Den Krebs besiegtDie Wirkung der Metaphorik in der Krebsberichterstattung

Den Krebs besiegt, den Kampf gegen den Krebs verloren - Schlagzeilen wie diese kennen wir alle. Sie beziehen sich meist auf eine bekannte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Aus journalistischer Sicht sind diese Aufmacher perfekt, da sie die Aufmerksamkeit des Lesers erregen. Die Intention ist klar, aber wie ist die Wirkung? Krebspatienten, ob frisch erkrankt oder mit fortgeschrittenem Krankheitsverlauf - sie alle nehmen diese Überschriften und Artikel in ganz besonderem Maße wahr, weil sie betroffen sind.

Die kriegerische Sprache verfehlt ihre Wirkung nicht. Sie verstärkt die Lebensbedrohung und den Eindruck, es gehe ums Ganze, um Krieg oder Frieden, um Sieg oder Niederlage, um schwarz oder weiß. Die Grautöne kommen in der Medienwelt nicht vor, obwohl sich Dank der Fortschritte in der Medizin das Entweder-Oder, Heilung oder Tod aufgelöst hat. Es gibt ein Leben mit Krebs, auch über einen langen Zeitraum, auch bei fortgeschrittenem Stadium und auch mit guter Lebensqualität. Heilung kann bei Krebs niemals zugesichert werden. Sie ist immer erhofft und erwünscht und in vielen Fällen statistisch gesehen durchaus möglich. Aber das Risiko einer Wiedererkrankung oder Neuerkrankung bleibt immer bestehen. Schlagzeilen wie „Sieg über den Krebs“, die bei der Berichterstattung über Prominente häufig schon nach Abschluss der lokalen Primärtherapie (Operation und Bestrahlung) erscheinen, ergeben zu diesem Zeitpunkt ein völlig falsches Bild. Gerade in den ersten beiden Jahren ist das Rückfallrisiko hoch.

Die Sorglosigkeit der Medien beim Umgang mit dem Begriff „Heilung“ kann zu einem falschen und gefährlichen Gefühl der Sicherheit führen. In der Realität schließen sich an die Akutbehandlung meist Chemotherapie und Antihormontherapien an, die bis zu zehn Jahre dauern können. Eine Heilung ist bis dahin nicht wirklich zu beurteilen, weil die Therapie noch nicht abgeschlossen ist. Angesichts dieser Situation, von Sieg über den Krebs zu sprechen, ist unverantwortlich. Für Patientinnen und Patienten ist wichtig, sich in diesem Zeitraum sehr aufmerksam zu beobachten, Körpersignale wahrzunehmen sowie engmaschig die Nachsorge- und Krebsfrüherkennungsuntersuchungen zu nutzen.

Genauso unverantwortlich ist das Vokabular „Kampf gegen den Krebs verloren“. Die Formulierung macht ein schlechtes Gewissen und löst Schuldgefühle aus. Die Frage nach der Schuld stellen sich ohnehin viele Betroffene, wenn sie an Krebs erkranken. Deutsche neigen besonders dazu, diese bei sich selbst zu suchen. Laut einer Umfrage glauben 75 Prozent der Betroffenen, sie hätten eine Mitschuld an ihrer Krebserkrankung. Schlagzeilen von verlorenem Kampf erwecken den Eindruck, dass der Erkrankte es in der Hand habe, ob er gesund bleibt oder wieder erkrankt, ob er siegt oder verliert. Wenn die Krankheit fortschreitet, suggerieren sie Gedanken wie „Habe ich nicht genug gekämpft, habe ich zu wenig Einsatz gezeigt, habe ich die falschen Mittel eingesetzt, habe ich einen falschen Kampf geführt, bin ich der Verlierer in einem entscheidenden Kampf?“ Diese Gedanken belasten zusätzlich, setzen unter Druck und binden viel Kraft, die anderweitig besser eingesetzt werden könnte.

Die Metapher des Kampfes verhindert, dass die Endlichkeit akzeptiert wird. Wer glaubt, kämpfen zu müssen, kann den natürlichen Vorgängen nicht ihren Lauf lassen, kann den Begleitern und den palliativmedizinischen Maßnahmen nicht vertrauen. Wer glaubt, kämpfen zu müssen, der wird aussichtslose Kämpfe nicht unterlassen, um den Preis des Verlustes der Lebensqualität. Wir, die Erkrankten, können nicht gegen den Krebs kämpfen. Das macht die Medizin. Wir können aber, im Rahmen unserer Möglichkeiten, für etwas kämpfen: für das Erreichen des Therapiezieles, für den Erhalt der eigenen Kräfte, für die eigenen Werte. Wer „nur“ gegen den Krebs kämpft, kann dieses Ziel nicht erreichen. Wir Krebskranken ringen um einen Weg, der auch mit verändertem Aussehen, mit Einschränkungen und Verlusten und mit reduzierten Kräften gegangen werden kann. Wir setzen unsere verbleibenden Kräfte für Sinnfragen des Lebens ein, für das, was uns wertvoll ist und durch die Krankheit noch wertvoller geworden ist. Das spielt sich alles in unserer Seele ab. Und mit unserer Seele sollten wir nicht Krieg führen. Hier können wir nicht siegen oder verlieren.

Es gibt noch andere Schlagzeilen über Krebs, die beunruhigend und fragwürdig sind. Dazu gehörte beispielsweise im Dezember 2011 die durch alle Medien geisternde Überschrift: „Impfung gegen Brustkrebs“. Die seriöseren Blätter fügten an diese Zeile noch ein Fragezeichen an oder brachten den Zusatz „wirkt bei Mäusen“. Im Großen und Ganzen wurde jedoch der Eindruck erzeugt, dass ein Impfstoff gegen Brustkrebs entwickelt worden sei. Was aber steckte tatsächlich hinter den Schlagzeilen: Wenn alles gut läuft, können die ersten klinischen Studien am Menschen Ende 2013 beginnen. Das heißt im Klartext: Bis zur Marktzulassung eines entsprechenden Impfstoffes werden noch mindestens zehn Jahre, wenn nicht viel mehr vergehen. Derartige Schlagzeilen, die in regelmäßigen Abständen in der Presse erscheinen und stets die Heilbarkeit von Krebs suggerieren, verführen die Öffentlichkeit dazu, Früherkennungsmaßnahmen nicht mehr für so wichtig zu halten. Journalisten leisten damit der heute erreichten guten Behandelbarkeit von Krebs einen Bärendienst.

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